Review: Golden Diskó Ship – Imaginary Boys



Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

Vor zehn Jahren veröffentlichte Theresa Stroetges die erste EP unter ihrem Alias Golden Diskó Ship. Mit „Imaginary Boys“ erscheint bei Karlrecords jetzt das dritte Album. Was damals schon an Coco Rosie erinnerte, lässt sich heute auch in einer Nähe zu Kreidler, FaUSt und Co. verorten.

Golden Diskó Ship schippert wieder

Golden Diskó Ship (Photo: Jana Sotzko)

Golden Diskó Ship (Photo: Jana Sotzko)

Die sieben Stücke auf „Imaginary Boys“ sind geprägt von Verdichtung und Verflüchtigung. Sie schwellen an, wachsen und erheben sich, pausieren plötzlich oder aus einer musikalisch arrangierten Dynamik heraus und fahren – mal rumpelnd, mal rollend – wieder fort, in ihren Verwehungen, ihrem Rauschen und Strudeln in mahlströmendem Kreiseln.

„Flaming Flamingo“ beginnt mit bauchigem Bass, in den sich kreiselnde Autotune-Vocals winden, die – wie durch eine überraschende Filmblende – abebben um einem dramatisch anmutenden Streicher-Crescendo Platz zu machen. Dieser Wechsel aus Anschub und Anhalten ist auf dem Album ein stilbildendes Element. Die Arrangements vermitteln so, in ihrem Auf und Ab, ihrem Innehalten und den folgenden, driftenden Wiederloslösungen, ein erzählerisches Ambiente. Die Field Recordings und Spielzeuginstrumente, die für Golden Diskó Ship schon immer stilprägend waren, unterstreichen das. Nach seinem sinistrem Streicher-Break, gewinnt der Bassbauch in „Flaming Flamingo“ wieder die Kontrolle und setzt mit einem stoischen Beat die Grundierung für choral ineinander verschränkten Wechselgesang, der das Firmament des Stereo-Raums für die folgenden Verwirbelungen des Albums schonmal in seiner Breite auslotet.

„Pacific Trash Vortex“ lässt seine musikalischen Mittel ebenfalls in- und umeinander strudeln. Auf ein Synthesizer-Intro folgt ein funkreiches Gitarrenlick, das für eine kurze Weile dünn über der dunstigen Szenerie hängt und an den sonnenuntergangsgesättigten Vorspann einer Action-Serie der 80er-Jahre denken lässt. Eine wirre Hitze liegt in diesem abermaligen Innehalten. Die dann folgenden, hart nach links gemischten Schrammelgitarren machen klar: das wurzelt hier alles auch immer noch im Indie und Bedroom-Folk.

Innehalten und Arpeggios

Es folgt wieder ein Innehalten im Arrangement. Die sich daraus schälenden Tastentöne holen das goldene Diskoschiff wieder hörbar in kosmische Sphären. Gemeinsam mit den Autotune-Vocals, dem sprödem Riffgerühre der Gitarre und den irgendwie leicht aus der Synchronizität gefallenen Synthesizerarpeggios entwickelt das einen eigenen, rumpeligen Charme in seinem technotisch-straighten Vorwärtstrieb.

„Wrong Beach“ beginnt kühn, mit trappy Elektronika-Geklöppel und Versatzstücken von Gesang und Geräusch. Im Kern ist diese Musik elektronisch und technisch versiert. Indem sie sich aber den erstbesten, auf irgendwelche besonders wilden Drops hinrollenden Knaller- und Knüllereffekten verwehrt, zeigt sie eine angenehm spleenige, eine arty Seite. Sie kennt ebenso die endlosen Möglichkeiten eines Laptops, als auch die schönen, einschränkenden und damit ganz andere Möglichkeiten aufschlüsselnden Aspekte von Lofi als Prinzip. Das erst kühle, hölzern hüftschaukeltaugliche Skweefeel von „Wrong Beach“ wirft sich – das ist auch wieder so ein erzählerischer Wechsel im Arrangement – in eine von Gitarre getragene Öffnung zum heimlich Hymnischen. Es kommen Spieluhr und was Wurlitzerartiges hinzu und schon ist wieder dieses Coco-Rosie-Feel der frühen Aufnahmen von Golden Diskó Ship da.

In der zweiten Albumhälfte verdichten sich die Elemente. Das Goldene Diskó Ship taucht hier tief in alle experimentalmusikalischen Wogen kosmischer Klangcluster und Kammermusik. „Abandoned Chinese Fishing Village“ lässt seine Streicherarrangements über ein schweres, schürfendes Beat-Bett gondeln. „Sundrunk“ fieberträumt sich – besoffen von der sonischen Sonne der perlenden Bleeps und Sweeps – in einen von luftigem Schlagzeug begleiteten, psychedelischen Taumel hinein.

Golden Diskó Ship (Photo: Sara Perovic)

Golden Diskó Ship (Photo: Sara Perovic)

Theresa schwamm mit ihrem Golden Diskó Ship schon immer im Bereich zwischen Laptop-Pop, Lofi-Folk und Hifi-Psychedelia. Da liegt es nicht fern, dass Dirk Dresselhaus alias Schneider TM am vorliegenden Album als Produzent mitwirkte. Er ist als Musiker ja auch von Schraddelpop und Noiserock (Hip Young Things, Locust Fudge) über glitchverliebte Frickelektro-Songs (Schneider TM) bis zu experimentellen Improv-Welten und Drone-Wänden (Angel, Mr. Schmuck’s Farm) ein vielforschender Meister in verschiedensten Klangbadeanstalten.

Ihr erstes Album „Prehistoric Ghost Party“ veröffentlichte Golden Diskó Ship 2012 beim Klangbad-Label. Das passt nicht nur namentlich-sinnbildlich, sondern auch allein der Tatsache wegen, dass Klangbad mit Hans Joachim Irmler und seinem Faust-Studio ein wesentlicher Winkelpunkt im Universum von FaUSt ist. Durch dieses Universum segelt das Golden Diskó Ship im Geiste. Die spinnerte Verflechtung von verwirbelten Synthesizerspielereien und den programmatisch entgegensetzt trocken gehaltenen Gitarrensounds und die Einflechtung von Streichersätzen geben „Imaginary Boys“ als Album – bei allem kosmischen Getreidel – eine Verspultheit, die neben FaUSt auch an so manches Werk von The Red Krayola denken lässt. Das irgendwie im Avant- und Art-Rock verwobene Langzeitprojekt von Mayo Thompson fummelte auch hin und wieder mal mit elektronischen Spezialspielereien herum und erzeugte in seiner tendentiell kopflastigen, an der brettfetten Produktion bewusst stolpernd vorbeimusizierenden Welt damit interessante Reibungseffekte.

Bassblüten in Klangkanister

Das abschließende, neunminütige „Lifelike Showdown“ entwickelt aus atmosphärischem Getröpfel ein verschlepptes, gemütsgedämpftes Postrock-Gerüst, das dann in einen echotischen Klangkanister hineinwächst, in dem metallisches Scheppern mit sumpfigen Bassblüten, angetrippten Gitarren, den choralen Wechselvocals und näselndem Synthesizergebrutzel umherschwenken, wie die Gischt in einem bunten, fluoreszierenden, alten, fernen Meer. Als würfe man Slint, Laurie Anderson, Neu! und Kreidler mit kostbaren, klanggebatikten Glasmurmeln in einen ewig rotierenden, der Dynamik des Strahlens und des Rauschens folgenden Kessel. Hier faltet sich die ganze fulminante Kraft der psychedelischen Verwehung auf.

Hier wird aus dem kosmischen Rumpeln und Rollen der vorhergehenden Tracks ein Sog – ein Showdown in der Gluthitze der musikalischen Strategie des Loslösens. Golden Diskó Ship bringt auf „Imaginary Boys“ das Schippern, Schwappen und Blühen der Fantasien und Sphären zum schwingen. Klingt hochgestochen? Ist es auch. Und deswegen gut.

// Martin Hiller

Album: Golden Diskó Ship – Imaginary Boys
Label: Karlrecords

Das Album erscheint am 24. März via Karlrecords. Am selbten Tag gibt es eine Doppel-Release-Show mit Schneider TM, der dort ebenfalls als Musiker agiert, in der Kantine am Berghain in Berlin.

2 Antworten auf „Review: Golden Diskó Ship – Imaginary Boys“

  1. […] auch auf dem ebenfalls hier besprochenen „Imaginary Boys“ von Golden Diskó Ship bringt uns der geschmackssicher Roster von Karlrecords in den Genuss dieser […]

  2. […] auch auf dem ebenfalls hier besprochenen „Imaginary Boys“ von Golden Diskó Ship bringt uns der geschmackssichere Roster von Karlrecords in den Genuss dieser […]

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